Gedanken und Impulse zum Sonntagsevangelium am 4.Fastensonntag am 22. 03. 2020


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

 

 

Jesus sieht den Kranken und heilt ihn

 

Jesus geht an Menschen in Not und Leid nicht vorbei. So nimmt er im heutigen Evangelium einen blinden Bettler und sein Leid wahr. Nicht die Schuldfrage beschäftigt ihn in dieser Situation, sondern die Sorge um den Menschen. Der Mensch und sein Heil stehen für Jesus im Mittelpunkt. Jesus sieht den Blinden und sein Elend, und wendet sich ihm zu. Er berührt seine Augen und heilt ihn. Obwohl Jesus durch seine Heilstätigkeit die Konventionen seiner Religion bricht (das Sabbatgebot), tut er das und nimmt die Kritik der jüdischen Autoriten in Kauf. Auch der Geheilte, der sich vor den Autoritäten zu Jesus bekennt und das Zeugnis für ihn abgibt, wird von diesen Autoritäten in die soziale Isolation ausgestoßen. Jesus sucht ihn aber noch einmal und fragt ihn: „Glaubst du an den Menschensohn?“ (Joh 9,35). Nachdem Jesus sich vor ihm als Menschensohn zu erkennen gibt, fällt dieser vor ihm nieder als Zeichen, dass er ihn als solchen anerkennt und sich ganz zu ihm gehörig weiß.

 

 

 

Jesus sehen und ihn als Licht und Lebensquelle erkennen

 

In zweifacher Hinsicht wird der Blindgeborene sehend. Bei der ersten Begegnung mit Jesus erlangt er das Augenlicht im physischen Sinn. Der Blindgeborene erlebt das größte Wunder seines Lebens. Er kann sehen. Ganz überwältigend und aufregend ist das am Anfang. Er nimmt erstmals Licht wahr, blendendes Licht. Er sieht Farben, er sieht Gesichter von Menschen. Er ist glücklich, überglücklich. Er kann jetzt wieder leben und vom Betteln befreit werden.

 

In der zweiten Begegnung wird er im tieferen Sinn sehend, nämlich dafür, wer Jesus eigentlich ist. Jesus und seine Worte – „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 9,5) und „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10) – sind für den Geheilten nun die Wirklichkeit geworden. Ja, sie sind für ihn das neue Licht und die Lebensquelle zugleich. Der Geheilte sieht und erkennt Jesus tiefer. Er ahnt, dass Jesus, der solche Wunder tut, von Gott ist.

 

 

 

Sehen können und zugleich blind sein

 

Im Unterschied zum Blindgeborenen fehlt den Pharisäern / den Autoritäten des Volkes das Sehvermögen in tieferem Sinn. Sie können nicht richtig erkennen, wer Jesus ist. Sie sind überzeugt, die richtige religiöse Sichtweise zu haben, und sind im Grunde blind. Sie haben eine feste Meinung und ein klares Urteil über die Person Jesu, und doch ist dies im Grunde ein Vorurteil. Sie lehnten Jesus vehement ab und den Geheilten stoßen sie aus – in eine soziale Isolation. In ihrer Blindheit entwerten sie Jesus und bezweifeln sie sein heilendes Tun: „Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?“ Ihr Konflikt mit Jesus beginnt sich zu verschärfen. Ihre Blindheit treibt sie weiter, um Jesus zu verfolgen und schließlich auch zu töten.

 

 

 

Sind etwa auch wir blind?

 

Meistens können wir uns glücklich schätzen, dass wir mehr oder weniger gute Augen haben und Sehvermögen im leiblichen Sinn. Wie ist es aber mit dem Sehvermögen in tieferem Sinn? Sind etwa auch wir blind? Diese Frage der Pharisäer gegenüber Jesu trifft wahrscheinlich auch uns und bringt uns zum Nachdenken. In den letzten Wochen und Tagen müssen wir beinhart erfahren, wie zerbrechlich die von Menschen gebaute Welt und ihre Strukturen sind. Durch ein für unsere Augen unsichtbares Virus ist unsere Welt erkrankt und auf den Kopf gestellt worden. Vieles, was wir vorher für Fortschritt gehalten haben, sehen wir jetzt in einem anderen Licht. Die Augen werden aufgemacht und wir können nicht mehr wegschauen, dass vieles auf unserer Welt und in unserem menschlichen Treiben krankmachend und vernichtend ist. Wir sind aufgefordert zur Umkehr und zur Achtsamkeit. Wir sollen alles machen, um das Menschenleben zu retten. Und wenn es nur das Halten des Abstands ist – ist das schon ein wichtiger Beitrag! Das Verhalten von jeder und jedem von uns hat die Folge nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Mitmenschen. Unsere Augen sehen nun tiefer. Jesus, unser Bruder und Herr, motiviert uns zu einem tieferen Sehen und Wahrnehmen von uns, unseren Mitmenschen und unserer Welt. Er, der gekommen ist, um Menschenleben zu retten und uns das Leben in Fülle zu schenken, geht uns voraus und geht mit uns auf diesem Weg der Heilung und der Rettung.

 

 

In herzlicher Verbundenheit und im Gebet mit Ihnen allen

 

Ihre Pastoralassistentin Mira Stare

 


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Gedanken und Impulse zum Sonntagsevangelium - 4. Fastensonntag - 22. März 2020
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